Ludwig W. Fliesser

official website

Main menu: Home | CV | Photography | Graphics | Videos | Research | News | Impressum

Publizierte Artikel von Ludwig Fliesser

click to open!

DIE FURCHE: Die Donau und das Flussbauliche Gesamtprojekt
DIE FURCHE: Frisches Geld für den Ilisu Staudamm
NÖN: Interview mit Ex-Innenminister Karl Schlögl
NÖN: Interview mit Werner Prochaska, Purkersdorfer Wirtschaftsbetriebe
NÖN: Krise, Spekulanten und Steuergerechtigkeit
NÖN: Tchernobyl - Kinder aus Belarus in Niederösterreich

TüRKEI: Neue Kredite für Ilisu Staudamm ?

Eine Reportage von Ludwig Fliesser – 27. Jänner 2010

Nachdem sich Deutschland, Österreich und die Schweiz im Juli 2009 aus dem Projekt zurückgezogen haben, gibt es jetzt möglicherweise neue Kredite für den umstrittenen Staudamm

Die Erleichterung war groß in Hasankeyf, der kleinen Stadt am Tigris, als Deutschland, Österreich und die Schweiz ihre Haftungen für den Ilisu-Staudamm wegen nichterfüllter Auflagen beim Kulturgüterschutz und der Umsiedlung betroffener Bewohner letzten Juli zurückzogen. Hasankeyf, das beinahe vollständig in den aufgestauten Fluten des Tigris verschwunden wäre, schien gerettet – zumindest vorerst.
Der türkische Umweltminister Erogulu bekräftigte umgehend, dass der Staudamm auf jeden Fall gebaut werde. Bisher fehlten dazu aber rund 400 Millionen Euro. Dem Vernehmen nach soll heute eine entsprechende Kreditvereinbarung mit der türkischen Akbank und der Garanti Bank unterzeichnet werden. Ebenso will der österreichische Anlagenbauer Andritz, internationalen Protesten zum Trotz, an Board bleiben. Gestern haben 20 Bürgermeister in der betroffenen Region Südostanatolien Bankkunden zum Boykott aufgerufen, sollten sich Akbank und Garanti Bank tatsächlich am Bau des Staudamms beteiligen. Kommt der Kredit zu Stande, dann stehen die Karten schlecht für Hasankeyf. Mit der Stadt würden auch außergewöhnliche Kulturdenkmäler für immer verloren gehen. Von der mittelalterlichen Moschee wäre nur mehr die Spitze des Minaretts zu sehen.

Kontroverse um Ilisu

„Wir wollen dieses Projekt”, haben die Menschen in Hasankeyf gesagt. Das behauptete zumindest Yunus Bayraktar, der einstige Chef des Baukonsortiums. „Eine infame Lüge” kontert der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Abdullah Tarhan. „Wir haben bei jeder Versammlung gesagt, dass wir gegen dieses Projekt sind.”
Die türkische Wirtschaft entwickelt sich rasant und damit steigt auch der Bedarf an Energie. Zudem will Ankara die enorme Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland überwinden. Auch Tarhan hat nichts gegen die Nutzung der Wasserkraft am Tigris, aber man müsse dabei die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung berücksichtigen. Die Alternative wäre, statt des geplanten Riesenstaudamms mehrere, kleinere Dämme zu bauen. Das würde auch die Zahl der unmittelbar Betroffenen reduzieren, die auf 55-65.000 Menschen geschätzt werden. Rund 15.000 davon würden ihren gesamten Besitz verlieren. Die türkische Regierung sträubt sich aber dagegen, das bereits vor 55 Jahren geplante Projekt grundsätzlich zu überdenken.
Seit Generationen lebt Tarhans Familie schon hier. Er selbst ist in den Ruinen der Festung von Hasankeyf geboren, bevor die Menschen in den 70er Jahren dann in tiefer gelegene Teile des Ortes umgesiedelt wurden. Ebenso wie Bürgermeister Kusen ist Tarhan Mitglied der Regierungspartei AKP. Wenn es um den Staudamm geht, sind sie aber mit Ankara durchaus nicht einer Meinung. Als die europäischen Kredite noch aufrecht waren, haben sie sogar mit Umweltschützern in Berlin gegen das Projekt demonstriert.
Die türkische Regierung zeigt für die Proteste gegen den Ilisu- Staudamm allerdings wenig Verständnis. Von Premierminister Erdogan wurden Projektgegner bisweilen sogar in die Nähe von „Terrororganisationen” gerückt. Immerhin sei das Ilisu-Projekt eine 1,2 Milliarden Euro schwere Investition in die Region. Während des Baus würden 4.000 Arbeitsplätze entstehen und das Kraftwerk soll jährlich Strom im Wert von 300 Millionen Euro produzieren. Die Energie wird aber vor allem im industrialisierten Westen des Landes gebraucht. Außerdem beklagen Bauern, dass sie nicht angemessen für ihr Land entschädigt werden. Als sie sich weigerten ihr Land freiwillig zu verkaufen, wurden sie gerichtlich enteignet. Die ursprünglich angebotene Entschädigung wurde dabei nochmals drastisch reduziert.


Zukunft ohne Staudamm?

„Seit über 50 Jahren erzählt man uns schon von dem Damm.”, gibt sich ein Mann aus Hasankeyf resigniert. Alle Bautätigkeiten sind wegen einer Denkmalschutzverordnung von 1981 strikt untersagt – die Wirtschaft liegt am Boden. Viele Einwohner vermuten, dass die Regierung so versucht, die Leute zum freiwilligen Verlassen der Stadt zu bewegen. Diese Strategie hat offenbar Erfolg: Von einst 10.000 Einwohnern leben heute nur mehr knapp über 3.000 in Hasankeyf. Noch lebt deren Hoffnung, dass die Regierung das Projekt neu überdenkt und die Stadt und ihr historisches Erbe erhalten bleiben. Dann könnte man sich auf den Ausbau des Tourismus konzentrieren, der bereits jetzt eine wichtige Einkommensquelle ist. Im März wird eine Gruppe Architekturstudenten der Technischen Universität Wien nach Hasankeyf reisen und dort ihre Visionen für eine Zukunft der Stadt ohne Staudamm präsentieren. Ob diese eine Chance auf Umsetzung haben bleibt angesichts der aktuellen Entwicklung aber mehr als fraglich.

Besucherzähler Für Homepage